Ode auf die Melancholie Nein, nein, geh nicht zur Lethe, preß dir nicht Vom Eisenhut, zähwurzlig, Gift ins Glas - Wenn Nachtschatten dein bläßliches Gesicht Auch küßt, die Purpurfrucht Proserpinas; Flicht keine Eibenbeern zum Rosenkranz, Auch Totenuhr und Totenkopf laß sein Als Klagepsyche, und als Freund im Leid Trau der zerzausten Eule niemals ganz: Der Schattenzug stellt sich zu schleppend ein
Und schluckt der Seele wache Ängstlichkeit. Doch wenn Melancholie vom Himmel fährt Wie eine Wolke plötzlich tränen will, Die alle schlaffen Blütenkelche nährt Und Hügel hüllt ins Grabtuch des April - Dann schöpf von Morgenrosen neuen Mut, Von Regenbogen, Dünen, Salz und Sand Und reichem, kugligem Päonienflor;
Und zeigt die Herrin köstlich ihre Wut, Laß sie nur rasen, fang die zarte Hand Und dring tief, tief in diese Augen vor. Sie lebt mit Schönheit - Schönheit, die bald stirbt; Mit Freude, deren Kußhand ewig winkt Und sagt Adieu - und Wonnen nah verdirbt,
Schon Gift wird, da der Bienenmund noch trinkt. Ja, selbst im Tempel höchsten Glücks versteckt Melancholie noch ihren Hochaltar, Nimmt, wessen Zunge des Glücks Traube sprengt Am feinen Gaumen, ihn auch einzig wahr; Sein Geist wird, ihre Trauermacht geschmeckt, Zu ihren düsteren Trophäen gehängt. John Keats (1795-1821) 
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