Ein Traum in einem Traum

Auf die Stirn dir diesen Kuß!
und da ich nun scheiden muß,
sag' dies ich nur zum Schluß:
Ganz recht hat eure Klage,
daß ein Traum warn meine Tage;
doch ob nun die Hoffnung floh
bei Tag, bei Nacht, ob irgendwo
in Schlafgesichten, müdem Sinnen,
ist sie darum nicht von hinnen?
Was wir scheinen und schaun im Raum,
ist nur ein Traum in einem Traum.

Im Brandungsbrüllen steh'
ich an küstenquälender See,
und ich halte in der Hand
Körner vom goldenen Sand -
wie wenige! doch sie rinnen
durch die Finger mir von hinnen,
und ich weine - wie von Sinnen!
Kann ich nicht dichter falten
die Hände, sie zu halten?
O Gott! wie rette ich schier
nur eins vor der Welle Gier?
Ist, was wir scheinen und schaun im Raum,
nur ein Traum in einem Traum?

 

Edgar Allen Poe (1809-1849)

 

 

 

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